| Die
Fakten
Die
DOCUMENTA
gilt als eine der bedeutendsten und weltweit am meisten beachteten
Ausstellungen zeitgenössischer Kunst.
1955 von dem Künstler und Kunsterzieher Arnold
Bode in Kassel ins Leben gerufen.
Findet regelmäßig alle 5 Jahre statt.
650.000
Besucherinnen und Besucher auf der
documenta 11.
Sie
wird von einer stets wechselnden Regie veranstaltet. Die drei Leitmotive
der documenta 12: „Ist die Moderne unsere Antike?“,
„Was ist das bloße Leben?“ und die dritte, der
Bildung gewidmete Frage: „Was tun?“.
Zitat
des documenta-Katalogs: „Bei der documenta zeigt sich, ob
es der Kunst gelingt, die Welt in Bilder zu fassen und ob diese
Bilder für ihr Publikum Gültigkeit haben."
Vor
Ort im irrlichternden Sturzflug: NEUMANN, KÜHL & SAUER.
Ein Tatsachenbericht von Kühl & Sauer:
Die
documenta 12 glänzte am vorletzten Tag ihres Seins vor allem
durch Besucherinnen & -sucher. Menschen in Kleidung, jung oder
alt, aber auch gebrauchte. Manche von Ihnen von schwerem, intellektuellem
Geheimwissen gezeichnet. Andere schlicht sexy in einer herzbrecherischen
Absolutheit. Eine freundlich gelangweilte Garde von Wächtern
und Wächterinnen hüteten die Ausstellungsstücke,
geradezu als wären es ihre eigenen ungespritzten Augäpfel.
Völlig
baff waren Kühl & Sauer zunächst angesichts der Selbstverständlichkeit,
mit welcher Kunstinterssierte aller Frauen Länder sich auf
dem freundlichen Grün um die Ausstellungsgebäude tummelten.
Hätte hier nicht eine Konstruktion aus Holz & Messing zum
entlanghangeln auf einfache aber funktionale Weise für Schonung
des schuldlosen Rasens gesorgt? Ist unsere Umwelt denn nicht schon
genug gepeinigt?
Auch enttäuschend die Tatsache, dass man die
gleiche Tasche, die man vor Betreten der Ausstellungsgebäude
in den Garderobekombüsen abgab, wieder zurückbekam. Ist
das etwa noch Kunst?
Egal bzw. 88. Solch bitt’re Randnotizen liessen
sich unsere Protagonist&TTinnen nicht ins Tagebuch meisseln.
Eine Wonne war doch das größte Kunstwerk
überhaupt, die Sonne, diese Dadaistin vor dem Universum! Was
wärmte sie die Häupter und flößte den Menschen
Häuche unabwendbarer Zufriedenheit in die Seele.
Unsere drei Aufgeschlossenen stahlen sich durch
Hallen & Räume, durchkämmten Flure und wucherten an
verbotenen Tapeten entlang. Immer auf der Hut vor den gelangweilten,
aber hochaufmerksamen Wächterinnen und Wächtern. So manches
Kunstwerk rief ein Erstaunen hervor. Die euphorische Bedrücktheit,
die das Gemälde „Vampir“ von Monika Baer verströmte.
Oder das charismatische Antlitz der Nigerianerinnen, deren ultraextravagante
Frisuren Thema von J. D. ´Okhai Ojeikere’s Fotoserie
waren.
„Das
Aufspüren von formalen Verwandtschaften undunterschwelligen
Sinnbezügen kennzeichnet über weite Strecken das überaus
referenzreiche Werk des Künstlers.“
So
besingt der documenta Katalog den Künstler Jürgen Stollhans.
In Wahrheit jedoch lässt sein Werk „Orientierungsphase“
sowohl Orient als auch Tiere zur Gänze vermissen. Dieses Werk
also, ganz offenbar eine Phase, ein Gephäs, dessen Inhalt eine
unzumutbare Gleichberechtigung zwischen abseitsgestrandetem Leergut
nie positionierter geistiger Transparenz und der Schwindsucht ungelebter
Ideale einer von moralischer Abwesenheit gebrandmarkten Gesellschaft
hinterließ einen Geschmack von Silizium auf der Oberlippe
des Betrachters nicht wirklich.
Die
Kaliber indes waren verschieden, sowohl in Größe als
auch in Form.
Die
Körper Neumann, Kühl & Sauer hungerten nach Erfrischung
und so jagten die 4 Leibhaftigen durch die Kanülen der herrlich
gekrümmten Stadt Kassel, Hessen. Schlangen vor den Blutwurstständen
und Joghurtbuden züngelten auf der Jagd nach Zeitfrass, nirgendwo
ein Fakir der sie mit illustrem Flötenspiel zu bändigen
vermeinte. Schließlich jedoch fand man Einkehr in der alteingesessenen
Kasseler Bierstube „Zum bänkelnden ZweiEck“, wo
das Sauerkraut noch mit ganzen Muskatnüssen gebacken &
hurtig serviert wurde.
Nach
vertilgtem Labskaus Kasseler Art warfen sich unsere 4 Expediteusen
gespannt bis über die Gürtellinien zurück ins unablässige
Getümmel, Gelümmel, Gelage, welches inzwischen sooo ein
Ausmaß angenommen hatte.
Erneut
wurden Treppenhäuser besprungen, Türen durchstiegen und
Fluchten durchschlurft.
Kunst, Kunst, Kunst. Doch gab es auch Jazz, Jazz,
Jazz? Musik war rar gesät in den Kunsthallen. Und wenn sie
aufkam, dann absehbar uninspiriert.
Dies jedoch ließ Raum, in einer eindrucksvollen
Akustik von Menschengemurmel & Körpergeruch zu baden. Eine
Musik ganz eigener Güte.
Bewunderung
und Seelenfreude verursachten die Ölkanistermasken und –skulpturen
Romuald Hazoumé’s. Die Afrikaner haben die Sitte, Plastikölkanister,
die zum Transport von Wasser oder Benzin dienen, durch Erhitzen
zu Weiten. Dadurch wird der Kanister größer, seine Wände
dafür dünner. Zuweilen kommt es also vor, dass ein schwerbeladener
Benzinlieferant (Die vollen Kanister werden in Übermenge auf
Mopeds geschnürt) „aus Versehen“ explodiert. Der
Alltag der Armut.
Zoe Leonard’s Fotografien attraktiver Ladenfronten
lockten bunt und gaben sich redlich Mühe aus dem Schatten von
V.B. Kühl’s „17A“ Ausstellung herauszustechen.
Da war wohl mehr der Wunsch die Latte der Vorstellung! Erbauend
obszön kam uns Juan Davila mit seinen klassisch anmutenden
Provokationen in Collagen-Technologie. Da blickt ein Augapfel aus
dem Arschloch eines von einem blauen Spechtkerls besamten Hermaphroditen.
Ach, wie anrührend emphatisch! Eines Tages werden solche Werke
die Vorzimmer von Frauenärzten und Staatsanwälten zieren,
wenn es Gewiss ist.
Die
Stimmung im Volk surrte zuweilen wie berauscht von einer Atmosphäre
des Hinterfragens und ausladender Analysia.
Luis Jakobs Bildermontagenrundschau war ein Hit,
gespickt mit rarem Witz und schrecklicher Greuel. Da hat einer fleissig
und erregend geschmackvoll Motivsammlung betrieben. Und sich nicht
geschämt!
Zuverlässig wie eh & je tauchten auch Sex
& Gewalt unvermittelt in Bildern, Fernsehern und Plastiknippes
auf.
Allein,
die Sexiness im Publikum blieb unübertrumpft. Nicht nur weil
Neumann, Kühl & Sauer mit der Anmut wendiger Partikel durch
die Reihen schlüpften, nein nein! Aber vor allem doch. Doch
doch.
Tanaka
Atsuo’s Leuchtskulptur „Electric Dress“ schließlich,
diese Skulpturgewordene Erleuchtung aus Strom und Glutbirnen, verabschiedete
uns mit freundlichem blingbling – wenn es Vorbei ist, ist
es Vorbei auch wenn nicht jeder, der vorübergeht, vorbei sein
wird für immer ...
Ein
Tag der nie wieder kommen wird, und der uns alles gab was er hatte:
Die documenta! Diese IAA der Kunst! Diese Ce-Bit der Kulturbetriebswirtschaft!
Diese Hausfrauenmesse der Kunstschaffenden! Die documenta ist ein
definitiv sympathischer Haufen kreatives Menschsein. Sie bietet
jedem ein Plätzchen auf dem Backblech der Kultur, auch wenn
nur die wenigsten in den Ofen kommen - Solange man den nötigen
Ernst nicht ausserhalb der 8 lässt und es versteht, die möglichen
Einsichten zu erheischen, ist dieser bunte Karneval des Nebeneinanders
allemal eine Reise wert. Schließlich steckt auch darin eine
Kunst, die im geschehen ihre Bestimmung findet. Und eins bekommt
man gewiss dafür: Anregung der eigenen Kreativität.
Reich,
erleuchtet & glücklich:
Kühl
& Sauer + Frau Neumann.
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